In der Regel gibt es für jede Entscheidung ein Zeitfenster. Hat es sich geschlossen, oder ist es noch nicht geöffnet, steht man schnell vor einem Scherbenhaufen. Im schlimmsten Fall zieht man sich dabei ernsthafte Verletzungen zu. Oder aber, man macht es einfach selber auf.

Peter war kein echter Stammkunde in dem Café, aber er war schon regelmäßig da. Die Preise waren erträglich und die Qualität angemessen. Es war meist gut besucht, nicht voll, man bekam immer einen Platz, es entstand jedenfalls nie eine Situation, in der bei der Überlegung, noch einen letzten Tee zu trinken, der Arbeitsplatzerhalt der Bedienung berücksichtigt werden musste. Vermutlich wäre der Arbeitsplatz ohnehin gesichert, denn bei mindestens jedem zweiten seiner Besuche saß eine Frau, vielleicht Ende zwanzig, an einem der Tische. Ab und zu aß sie ein Ciabatta, meistens aber trank sie nur eine Cola und blätterte Zeitschriften. Immer aber kaute sie Kaugummi, mit dem sie in regelmäßigen Abständen Blasen produzierte. Peter mochte das. Es wirkte verspielt und gleichzeitig ziemlich sexy.

An dem Tag, an dem Peter das Fenster öffnete, waren sie fast allein. Nur ein älterer Herr saß mit seiner Zeitung in der Ecke. Peter stand auf und ging zu ihr. Er hatte sich keine Gedanken gemacht, zumindest nicht an diesem Tag. Immer wieder waren seine Überlegungen sie anzusprechen auf die gleiche Weise verlaufen. Aus dem "Wie?" wurde dann ein "Ob?", und seine Pläne zerplatzten wie ihre Blasen. Deswegen blieb nur die Selbstüberlistung: Einfach aufstehen und Schritte machen, so dass das Umkehren peinlicher wäre als das Weitergehen. Und dann stand er vor ihr:

"Hi."

"Hi?" Es klang wie eine Frage.

"Ja genau: Hi."

Es entstand eine Pause. Glas klirrte. Die Bedienung rief: "Scheiße!"

"Ich hab Dich hier schon öfter sitzen sehen. Ein echtes Kau-Girl, wa?"

"Was?" Sie klang genervt.

"Kauuuu-Girl." Perter malmte demonstrativ mit den Zähnen.

Sie runzelte die Stirn. Entweder wollte oder konnte sie nicht verstehen. Das Ergebnis war dasselbe: Wieder diese Pause. Peter griff nach einem Stuhl und setzte sich. Ihre Stirn entrunzelte sich nicht im Geringsten. Das musste doch weh tun.

"Bist Du hier Stammgast?" fragte er, froh, dass ihm eine mitfühlende Hirnwindung die Frage nach dem Wetter erspart hatte.

"Tja, wie Du schon sagtest, Du hast mich schon öfter hier gesehen."

"Und immer allein.", schöpfte Peter den Mut der Verzweiflung.

"Fast immer." Sie zwinkerte ihm kalt zu, um jeglichen Deutungsspielraum zu minimieren.

"Wie kommt's?"

Sie machte eine Blase: "Männer sind wie Kaugummis. Es gibt verschiedene Sorten, alle Farben, jeden Geschmack. Aber im Grunde immer dasselbe. Z.B. diese besonders exotischen. Riechen aufregend, die Geschmacksrichtungen klingen vielversprechend ..."

"... Schmacko-Frutti?" warf Peter ein. Es sollte 'Ich weiß was Du meinst.' heißen, aber ihrem geringschätzigen Blick nach hatte sie nur 'Häh?' verstanden.

Sie machte einfach weiter: "... und dann sind die erst viel zu süß und dann superschnell ausgelutscht. Oder noch schlimmer, diese Bio-Kaugummis. Ökologisch wertvoll und politisch korrekt. Und werden dann zu so einer breiigen Masse im Mund, weil die Härter fehlen, und man will sie sofort wieder ausspucken. Aber auch die normalen bringen's nicht. Man spielt ein bisschen mit ihnen rum, macht ein paar Blasen ..." Peter spürte, dass er an dieser Stelle nicht grinsen durfte, "... und dann will man sich schnell den nächsten reinziehen. Aber am allerschlimmsten sind die ausgespuckten von anderen, die überall rumliegen. Wenn man da reintritt bleiben sie an einem kleben, und wenn man nicht stehen bleiben will muss man einfach weitergehen, bis sie immer länger werden und Fäden ziehen. Und irgendwann zerreißen sie doch. Die Reste muss man sich mühsam von der Sohle kratzen, die andere Hälfte bleibt als Fleck auf der Straße kleben und die Menschen treten auf ihnen rum und sind froh, dass sie nicht mehr klebrig sind. Nur der Dreck bleibt an ihnen hängen bis sie ganz schwarz sind. Achte mal drauf, die Straßen sind voll mit schwarzen Flecken."

Peter stand auf: "Schonmal 'n Lollie probiert? Ich könnte da weiterhelfen." Dann verließ er das Café. Er musste lachen. Es war wohl an der Zeit für einen neuen Stammladen. Gleich um die Ecke war ein prima Steak-Haus. Mit großen Fenstern.

 

[Der Text entstand im Rahmen eines Schreibabends. Die Vorgaben waren das Motto "Es geht." und das Hindernis "Sie will eben nicht". Die Zeit zum Schreiben betrug 1 Stunde 30 Minuten. Als Utensilien wurden nur Stift und Zettel benutzt. Und Rotwein, Pistazien und so. Aber kein Internet zum Recherchieren.