Jörg Wontorra war außer sich. Absetzen. Ihn. Nach gefühlten fünfzig Jahren Fernsehgeschichte. Der "Doppelpass" ist eine Institution. Sportschau für Entscheider, von wegen Stammtisch. Fußball-Philosoph hat man ihn genannt, damals zur WM 2006. Mit Sloterdijk und Paul Breitner hat er auf dieser Fußball-Kunstausstellung Kölsch getrunken. Sie standen vor dem Foto, auf dem Franz Beckenbauer sich an eine Wand lehnt, einen Fußball zwischen sich und die Wand pressend. Sloterdijk hatte gesagt: "Ich bin nicht sicher.", und dann hatte er, der Spitzbube Wontorra, gesagt: "Balla Balla, Franz" und Sloterdijk hatte gekichert. Paul Breitner sagte, er müsse auf die Toilette und Sloterdijk und er waren unter sich und beim Kölsch geblieben. Er hatte sich immer schützend vor ihn gestellt und seine legendären Mediationstechniken genutzt, wenn irgend so ein Sportfunktionär den Langhaarigen aufs Korn nehmen wollte. Er kannte das Gefühl zu gut, einfach nur möglichst ungestört seine Gage absitzen zu wollen. Und dann hatte er es gesagt, beim Händewaschen, kurz bevor sich ihre Wege trennten: "Sie sind ja ein richtiger Fußball-Philosoph."

Das alles zählte jetzt nichts mehr. Sie würden ihn ersetzen mit diesem aalglatten Milchbubi, der aussah wie dieser Lover von nebenan, dem er den Tod an den Hals wünschte, wenn er mitbekam wie seine Frau ihn aus den Augenwinkeln ansah. Gab es keine echten Charaktere mehr? Wie lange würde es noch dauern, bis die freundlichen Krombacher Mädels am Ende der Sendung Apfelschorle servieren würden? "Es ist ja noch nichts entschieden, Jörg." Am Arsch. Beim nächsten Mal sollte der Neue ihn "krankheitsbedingt" vertreten. Anschließend würden sie ihre Marktforschung starten und dann die Entscheidung treffen.

"Was soll der Mist?" sagte er zu Udo Lattek, mit dem er nach der Hiobsbotschaft an der Hotelbar versackt war und jetzt, am inzwischen frühen Abend, auf ein Taxi zuwankte, "Man tauscht doch nicht mitten im Rennen das Pferd aus."

"Das sind jetzt aber drei Euro für das Phrasenschwein, Jörg."

"Der Typ hat doch keine Ahnung," setzte Jörg fort, während sie in das Taxi stiegen, "grad mal Haare am Sack und will mir was erzählen."

Der Taxifahrer war ein großer kräftiger Afrikaner. "Hallo, mein Name ist Charles. Wo darf ich Sie hinbringen?" fragte er in leicht gebrochenem Deutsch.

"Was? Charles?" sagte Udo frotzelnd, "Ich hätte jetzt gedacht: Herrmann." Das mit Udo wurde immer schlimmer. Der Mann war kaum mehr tragbar. Und nachdem der Barkeeper vorhin den 15 Jahre alten Platin-Vodka hervorgezaubert hatte, war Udo in Höchstform.

"Burgstr., dann Merkleweg," sagte Jörg schnell zum Taxifahrer, der den vorangegangenen Kommentar dankenswerter Weise überhört hatte. Udo lachte laut auf und klopfte Jörg auf die Schulter: "So, und nicht anders." Man konnte ziemlich genau erkennen wie betrunken Udo war, weil er dann immer an der falschen Stelle lachte. Um Schlimmeres zu vermeiden, nahm Jörg den Faden wieder auf: "Wie der durch mein Studio marschiert ist und alles begutachtet hat. 'Das muss weg.' Und: 'Das kann man noch gebrauchen.' Was glaubt der, wer er ist?"

Udo lachte laut auf und klopfte Jörg auf die Schulter: "So, und nicht anders." Den konnte man abhaken. Er überließ Udo das Wort und glitt auf den monotonen Wortschwällen sanft in die Teilnahmslosigkeit. Endlich angekommen stieg er aus und bezahlte den Taxifahrer. Er drehte sich nochmal zu Udo: "Weißt Du, vielleicht soll das so sein. Ich meine, ein Ende ist ja immer auch ein Anfang."

Udo lachte: "Das sind jetzt aber drei Euro für das Phrasenschwein, Jörg."

Jörg zog einen Fünf-Euro-Schein aus der noch geöffneten Brieftasche und warf ihn zu Udo auf den Rücksitz: "Hier. Behalt den Rest."

 

[Der Text entstand im Rahmen eines Schreibabends. Der Text musste mehrere Textbausteine enthalten, die, nach verschiedenen Kategorien unterteilt, zuvor per "Knick-Methode" gesammelt wurden. Die Zeit zum Schreiben betrug 1 Stunde 30 Minuten. Als Utensilien wurden nur Stift und Zettel benutzt. Und Rotwein, Pistazien und so. Aber kein Internet zum Recherchieren.

Kategorie=Begriff: Person=Charles, Gegner=Lover von nebenan, Fachrichtung=Sport-Philosoph (Fußball), Getränk=15 Jahre alter Platin-Vodka, Verfehlung:an der falschen Stelle lachen, Zeit=am frühen Abend, Motto=das kann man (doch) noch gebrauchen]